Geschichte des Dorfes Schwerfen
Quellennachweis: Historisches Archiv des Erzbistums Köln, Archiv der Kirchengemeinde St. Dionysius, Zülpich-Schwerfen

Tranchot 1808, Ausschnitt Schwerfen

Schwerfen
Schwerfen ist ein mehrzeiliges Straßendorf am westlichen Hang des Rotbaches, von dem hier der mittelalterliche Mühlengraben abzweigt. Dem erhöht liegenden älteren Teil des Dorfes mit der Pfarrkirche St. Dionysius steht der jüngere Teil im Umfeld der spätmittelalterlichen Gülichsburg gegenüber, die ihrerseits in der Gabelung der Bäche angelegt wurde — wenn nicht sogar der Abzweig des Mühlenbaches aus Anlaß des Burgenbaues vorgenommen worden ist. Im Zusammenhang mit Schwerfen stehen die Ortslagen bzw. Burgen Irnich (l km westlich) und Virnich (1,5 km östlich), die wie Schwerfen zum Oberamt Nideggen im Herzogtum Jülich gehörten, aber Privilegien als landtagsfähige Rittersitze genossen. Dem Namen nach kann Schwerfen eine fränkische Gründung sein — dafür sprechen auch die hochwasserfreie Lage an einem Bachlauf und das Patrozinium der Kirche; andere Deutungen des Namens aus jungsteinzeitlichen Sprachquellen bedürfen genauerer Untersuchungen.
Zuerst genannt wird Schwerfen im 12. Jh.; 1147 und 1166 urkunden Angehörige des Ortsadels als Zeugen. Bereits 1229 wird Schwerfen als Pfarrei bezeichnet, wenn auch erst aus dem 14. Jh. ein größerer Kirchenbau überliefert ist, dessen Überreste in den Neubau von 1891 —93 einbezogen wurden.
Unterhalb der Kirche entwickelte sich das Dorf, im wesentlichen aus dem Besitz der Herren von Hengebach an Jülich gekommen und im Jülicher Staatsverband bis 1794, vermutlich um den hengebachschen Herrenhof, den späteren jülichschen bzw. kurpfälzischen Fronhof. Die separat gelegene, im Kern spätgotische Gülichsburg, eine typologisch eindeutig spätmittelalterliche Anlage, mag Stammsitz der von Schwerfen gewesen sein, läßt sich aber als Jülicher Lehen nur bis 1365 zurückverfolgen. Ihre Inhaber gelangten nicht, wie die Konstellation Burg-Dorf es zumindest als Intention erscheinen läßt, zur Ortsherrschaft; auch wurde die Burg kein landtagsfähiger Rittersitz; ihren heutigen Namen verdankt sie Engelbert von Gülich, der sie seit 1638 besaß. Die kleine wohlerhaltene Burganlage dominiert mit ihrer reizvollen Gebäudegruppe bis heute den umgebenden Dorfbereich. Weiterer verstreuter Adelsbesitz zu Schwerfen verhinderte, daß sich ein Übergewicht zugunsten eines einzelnen bilden konnte; größere Höfe entstanden nicht. Ort und Burgen gehörten zum jülichschen Hochgericht auf dem Schievelsberg, seit 1555 in Enzen.
1807 wurde die Pfarre unterdrückt und erst 1834 wieder eingerichtet; sie erhielt 1886 das bestehende Pfarrhaus und 1891 die neue Kirche. Grundform und Straßenführung des Ortes haben sich seit der ersten Kartierung von 1808 nicht wesentlich verändert; die damalige Bebauung von meist noch getrennt gelegenen Winkel-, Drei- und wenigen Vierseithöfen wurde allerdings während des 19. und 20. Jh. erheblich verdichtet. Heute stellt sich der Ortskern zwischen Kirche und Burg zwar noch einigermaßen maßstäblich erhalten dar, auch folgen die neueren Bauten zum größten Teil noch der vorgegebenen Straßenflucht, aber das Schließen der Baulücken und moderne Überformungen haben wenig historische Substanz verschont.
Ein optisch wirksamer städtebaulicher Zusammenhang kann von den isolierten denkmalwerten Bauten, einigen Fachwerkwohnstallhäusern des 17. und 18. Jh. und zwei größeren Fachwerkhöfen des 18. Jh., nicht mehr ausgehen, zumal die Ortsgestalt durch Nachkriegsneubauten rund um den alten Kern ganz zersiedelt ist.
Ihre für die Region seltene historische Alleinlage bewahrt hat die ehemalige Wasserburg Irnich mit dem gleichnamigen Weiler; die geringe Entfernung (350 m) zur westlich vorbeiführenden Römerstraße sowie römische Mauerreste in der Nähe sprechen für ein höheres Alter der lokalen Besiedlung, als es für Schwerfen anzunehmen ist.
Als Reifferscheider Lehen 1229 bezeugt und später unter Jülicher Landeshoheit, gibt die Burg im 14. Jh. dem hier ansässigen Adelsgeschlecht den Namen. 1454 gelangt Irnich an die von Berg, auf die der Kern der noch bestehenden Anlage zurückzuführen sein dürfte.
Weiler und (ehemalige) Burg Virnich haben keine denkmalwerte historische Bausubstanz mehr aufzuweisen.
Die 1860 niedergelegte und durch einen heute ruinösen Bauernhof ersetzte Wasserburg war seit dem 14. Jh. Sitz eines gleichnamigen Adelsgeschlechtes, das im Lehensverhältnis zu Jülich stand. Von etwa 1500 bis 1870 war der landtagsfähige Rittersitz den Herren von Mirbach gehörig; die Ländereien wurden im 19. Jh. parzelliert.
Katasterkarte Schwerfen, Flur 28,
1830, Ergänzungen bis 1871
(Kreisarchiv Euskirchen)


Gülichsburg
In der Nachfolge eines Adelssitzes der von Schwerfen spätestens im 14. Jh. zur Burg ausgebaut; Jülicher Lehen im Besitz der von Berg (14. Jh.), spätere Besitzerfolge nicht eindeutig feststellbar; 17. Jh. von Kaldenbach, 1638 Engelbert von Gülich (seitdem Gülichsburg genannt); nach wechselnden bürgerlichen Eigentümern im 19. Jh. seit 191 1 in der Familie des derzeitigen Eigentümers als landwirtschaftlicher Betrieb


Hauptbausubstanz Wohnhaus um 1500 (westliche Hälfte), 1785 (östliche Hälfte), Wirtschaftstrakte 1830; wenige moderne Veränderungen



Einteilige kleine Burganlage von vier Flügeln um einen fast quadratischen Innenhof, ehemals von breiten Wassergräben umgeben, diese vom Mühlenbach gespeist; neben der Zufahrt von Südosten liegt das Wohngebäude als Südostflügel. Das ehemalige Burghaus besteht aus zwei aneinandergebauten Teilen unterschiedlicher Bauzeit; beide zweigeschossig, Bruchstein mit Buntsandsteingewänden; westliche Hälfte um 1500, in der Außenwand ein originales quergeteiltes Fenster und Erkerkonsolen erhalten: der hohe über die Traufe gezogene Kamin heute stillgelegt; die Stichbogenfenster 2. H. 18. Jh.; in der Giebelwand zwei kleinere Rechteckfenster (das obere original); Hofseite mit zwei originalen quergeteilten Fenstern und erneuertem Erdgeschoßerker; Portal von 1785; im Inneren vom gotischen Bestand erhalten die Ankerbalken und anders verwendete Kaminkonsolen ; vollständig erhaltener spätgotischer Dachstuhl. Östliche Hälfte 1785 (Datierung in der Wetterfahne) über älteren Fundamenten errichtet; je zwei Achsen stichbogiger Fenster mit Keilstein; an der einachsigen Nordostwand Ansätze einer Tormauer; innen weitgehend originale Aufteilung; bemerkenswert ein kleiner Saal mit Papiertapeten des 19. Jh.; Dachstuhl des 18. Jh. Am Wohnhaus eingeschossiger Anbau vor die Südwestgiebelwand gesetzt„um 1920. Die drei Wirtschaftstrakte 1830 (Datierung über dem Tor der Scheune) überwiegend aus Bruchstein neu erbaut anstelle einer gleichartigen Vorgängeranlage; Hoffronten durch moderne Umbauten teilweise erheblich verändert; Hoffront der Remise Fachwerk, zwei Einfahrten; nach Nordwesten und Nordosten Anbauten unter Pultdach, ohne Denkmalwert.
Zugehörig das Areal der trockenen (ehemals wasserführenden) Gräben und Freiraum zur umgebenden Bebauung als Hinweis auf die ursprüngliche Freilage; zur Straße Begrenzungsmauer.
Die Gülichsburg ist noch sehr anschaulich als Typ der kleinen einteiligen Ackerburg mit ungewöhnlich viel originaler Substanz erhalten.